3 Herzkrankheiten


Herzkrankheiten

Herzkrankheiten,
 
Gesamtheit der angeborenen oder erworbenen organischen, entzündlichen oder nicht entzündlichen Erkrankungen wie auch der funktionellen Störungen des Herzens. Angeborene und erworbene Fehlbildungen des Herzens und der großen herznahen Blutgefäße werden als Herzfehler (Kardiopathien, Vitium cordis) bezeichnet.
 
Die angeborenen Herzfehler entstehen aufgrund vererbter Anomalien oder vorgeburtlichen Schädigungen durch Virusinfekte (v. a. Röteln, Masern, Mumps, Scharlach), Sauerstoff- und Vitalstoffmangel, Gifte, Arzneimittelschäden, hormonale und Stoffwechselstörungen der Mutter, Offenbleiben des Botalli-Ganges; weitere Ursachen sind der Vorhofscheidewand- und der Kammerscheidewanddefekt. Fehlbildungen ohne krankhafte Verbindungen zwischen großem und kleinem Blutkreislauf (Shunt) sind v. a. die (angeborene) Pulmonalstenose und die Aortenisthmusstenose, auch Aortenbogenanomalien; häufigste Ursache für einen Links-rechts-Shunt ist der offene Botalli-Gang. Fehlbildungen in Form der Fallot-Kardiopathien führen zu einem Rechts-links-Shunt. Entsprechend ihrer Ausprägung sind die letztgenannten Schäden Ursache unterschiedlich starker Sauerstoffmangelzustände (Blausucht, Zyanose), die sich unmittelbar lebensbedrohend oder als Ursache von Entwicklungsstörungen auswirken können.
 
Die durch entzündliche Erkrankungen erworbenen Herzfehler können als rheumatische Herzklappenfehler zusammengefasst werden; insbesondere sind die Mitral- und Aortenklappen in Form von Einengungen (Stenosen) oder Klappenundichtigkeiten (Insuffizienzen) betroffen.
 
Die wohl häufigste Herzkrankheiten ist die Verengung von Herzkranzgefäßen (Koronargefäße). Durch arteriosklerotische Veränderungen kommt es zur Behinderung des Blutstromes. Die Folge ist eine Minderdurchblutung des Herzmuskels. Die koronare Herzkrankheit tritt als Koronarinsuffizienz mit den Symptomen einer Angina pectoris auf und kann v. a. in Form des Herzinfarktes lebensbedrohlich werden.
 
Die Herzbeutelentzündung (Perikarditis) tritt als selbstständige Krankheit durch mikrobielle, v. a. Virusinfekte sowie begleitend bei Herz- und Niereninsuffizienz, Lungentuberkulose, allergische Reaktionen, Strahlenschäden, nach Herzinfarkt, auch stumpfen Brustkorbverletzungen oder chirurgischen Eingriffen auf, teils aber auch ohne erkennbare Ursache (idiopathisch). Sie führt häufig zur Ansammlung wässriger oder eitriger Flüssigkeiten (Exsudate) im Herzbeutel (Herzbeutelwassersucht, Hydroperikard). Bei fehlender Aufsaugung, die eine Entfernung durch Punktion erforderlich macht, ist eine Herztamponade oder Verwachsung des Herzbeutels mit dem Herzen möglich (Panzerherz). Gefährlich ist die Ausweitung der Entzündung zur Pankarditis, der gleichzeitigen Erkrankung von Herzinnenhaut, Herzmuskel und -beutel. Symptome der Herzbeutelentzündung sind Fieber und Schmerzen hinter dem Brustbein; außer den beim Abhorchen feststellbaren kennzeichnenden schabenden Herzgeräuschen sichern die durch Elektrokardiogramm, Echokardiographie- und Röntgenuntersuchung (auch Herzszintigraphie und Computertomographie) sowie Perikardpunktion feststellbaren Veränderungen die Diagnose.
 
Die Herzinnenhaut- und Herzklappenentzündung (Endokarditis) ist ebenfalls Folge rheumatischer Erkrankungen, auch v. a. bakterieller Infektionen (einschließlich der durch Streuherde, infizierte Spritzen bei Drogenabhängigen ausgelösten), selten von Kollagenkrankheiten. Als Risikofaktor wirken Vorschädigungen des Herzens. Von der Endokarditis sind v. a. die Herzklappenränder und Sehnenfäden betroffen mit der Folge von Verdickungen und warzenartigen thrombotischen Ablagerungen, die Embolien (z. B. in Hirn, Lungen, Nieren) hervorrufen können, wenn sie durch den Blutstrom abgerissen werden. Durch bindegewebige Wucherungen, Vernarbungen und Schrumpfungen der Klappen bei chronischer Entzündung kommt es zu bleibenden Herzklappenfehlern (Behinderung des Klappenverschlusses). Als Hauptsymptome der akuten Endokarditis treten Fieber, Leistungsschwäche und Herzinsuffizienz auf; charakteristisch ist das durch Wirbelbildung um die Klappen hervorgerufene Herzgeräusch. Zu den oben genannten diagnostischen Maßnahmen kommen serologische Untersuchungen hinzu. Schwerwiegende Folgen hat die bei rechtzeitiger Behandlung mit Antibiotika (auch Corticosteroiden) seltene bakterielle Entzündung mit geschwüriger Zerstörung der Klappen.
 
Die Herzklappenfehler, die in seltenen Fällen auch auf angeborenen Anomalien beruhen können, bestehen in der Form einer Herzklappenstenose, also eingeschränkten Öffnungsfähigkeit, v. a. der Mitralklappe (Mitralstenose), aber auch der Aortenklappe (erworbene Aortenklappenstenose), selten als (erworbene) Pulmonal- oder Trikuspidalstenose. Hierbei staut sich das erschwert hindurchtretende Blut vor der Klappenöffnung mit der Folge einer kompensatorischen Herzmuskelzunahme (Druckhypertrophie). Bei der Herzklappeninsuffizienz dagegen strömt ein Teil des geförderten Blutes wegen mangelnder Schlussfähigkeit der Klappen wieder in die Herzhöhle zurück und führt zu vermehrter Volumenbelastung des Herzens und Erweiterung des Herzinnenraumes (Herzdilatation). Insuffizienz und Stenose können auch in Kombination auftreten. Herzklappenfehler verursachen wie angeborene Herzfehler Geräusche, die mittels eines Stethoskops (Hörrohr) über dem Herzen abgehört werden können. Zur Objektivierung und Differenzierung können die Geräusche aufgezeichnet werden (Phonokardiographie). Eine auch quantitativ verwertbare diagnostische Aussage ist mit der Echokardiographie möglich. Bei ausgeprägten Klappenfehlern ist ein operativer Ersatz der Herzklappen erforderlich.
 
Bei den Herzmuskelkrankheiten (Kardiomyopathien) ist der Herzmuskel selbst betroffen. Die Ursachen sind nur bei einem kleineren Teil dieser Herzkrankheiten bekannt, z. B. Alkoholmissbrauch, eine zurückliegende Herzmuskelentzündung oder toxische Substanzen. Die Behandlung erfolgt lediglich symptomatisch. Schwere Herzinsuffizienzen als Folge der Herzmuskelkrankheiten werden durch eine Herztransplantation behandelt.
 
Die Herzmuskelentzündung (Myokarditis) tritt als begleitende (z. B. bei Urämie) oder durch oben genannte Ursachen hervorgerufene herdförmige oder allgemeine Entzündung auf. Neben einer Vielzahl von Viruskrankheiten können auch durch Protozoen (z. B. Chagas-Krankheit, Toxoplasmose, Trichinenkrankheit), Rickettsien oder Pilze hervorgerufene Erkrankungen, granulomatöse Krankheiten (Sarkoidose) und bei den bakteriellen Infekten v. a. Scharlach und Diphtherie zur Herzmuskelentzündung führen. Symptome sind Kurzatmigkeit, Unruhe, Herzklopfen, rasche Ermüdbarkeit, diagnostisch kennzeichnend Rhythmusstörungen und Herzvergrößerung. Bei unvollständiger Ausheilung ist die Ausbildung von örtlichen Gewebeveränderungen mit zahlreichen Bindegewebenarben (Herzschwielen) und bleibendem Herzmuskelschaden (Myokardschaden) möglich. Eine nichtentzündliche Herzmuskelentartung (Myodegeneratio cordis) mit Herzinsuffizienz ist Folge von chronischen Allgemeinkrankheiten, Hungerdystrophie oder Altersabbau.
 
Die funktionellen Herzstörungen beruhen überwiegend auf Regulationsstörungen des vegetativen Nervensystems (psychovegetatives Syndrom) und führen (bei organisch gesundem Herzen) zu einer gestörten Anpassung der Herzaktion, Blutverteilung oder des Blutdrucks in Körperruhe oder Belastung. Auch psychische Einflüsse können Ursache unterschiedlicher Missempfindungen sein (Herzneurose).
 
In der Häufigkeit stehen die durch vorzeitige Abnutzung der Herzkranzgefäße bewirkten Herzkrankheiten im Vordergrund, wofür in erster Linie zivilisatorische Einflüsse (Herz-Kreislauf-Erkrankungen) verantwortlich gemacht werden.
 
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie v. a. auch in den folgenden Artikeln:
 
Angina pectoris · Herzasthma · Herzblock · Herzhypertrophie · Herzinfarkt · Herzinsuffizienz · Herzoperationen · Herzrhythmusstörungen · Herzschmerzen · Herzstillstand · Herztransplantation · Herzverletzungen · Koronarinsuffizienz
 
 
Klin. Kardiologie, hg. v. G. Riecker (31991, Nachdr. 1993);
 J. Wagner: Prakt. Kardiologie (21992);
 
H., bearb. v. H. Roskamm u. H. Reindell (41996).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Herz: Herzklappen und Herzklappenfehler
 

Universal-Lexikon. 2012.

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